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«Es gibt eine Vielzahl von Gründen dafür, dass die Zinsen negativ sind»

Montag, 29.08.2016

Was sagt es über den Zustand der Weltwirtschaft aus, wenn man Geld fürs Schuldenmachen bekommt? Die SNB führt dazu u.a. die tiefe Produktivität, die Alterung der Gesellschaft oder die schwache Investitionstätigkeit an. Tun könne sie dagegen nichts.

Für den Umstand, dass die Zinsen negativ sind, gibt es eine Vielzahl von Gründen, sagt Andréa Maechler, Mitglied des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank (SNB), in einem Interview gegenüber dem «SonntagsBlick». Einerseits sei das Wachstum als Folge der schweren Finanzkrise noch immer schwach. Die tiefen Zinsen seien ein Mittel, um das Wachstum zu stimulieren. Es gebe aber auch strukturelle Faktoren: die tiefe Produktivität, die Alterung der Gesellschaft und die daraus resultierende höhere Sparneigung, sowie die schwache Investitionstätigkeit. Dagegen könne die Geldpolitik nichts machen.

Die Zinsen blieben auf absehbare Zeit global tief

Obwohl die Finanzkrise bereits vor neun Jahren begonnen hat, sieht Maechler kein Ende der Tiefzinsphase voraus. Die Finanzmärkte erwarteten in Grossbritannien und in der Eurozone eine weitere Lockerung der Geldpolitik. Selbst in den USA gehe die Erhöhung der Zinsen nur sehr langsam voran. Die Zinsen blieben daher auf absehbare Zeit global tief. So lange dies der Fall sei, habe die SNB kaum Spielraum, die Zinsen zu erhöhen.

Bei Einführung des Negativzinses, vor eineinhalb Jahren, habe die SNB zwar gesagt, sie wolle diesen nicht lange beibehalten, räumt Maechler ein. Die SNB habe jedoch auch gesagt, dass sie die Negativzinsen aufhebe, sobald dies möglich sei. Das gelte noch immer, wie sie betont.

Weltweit rentieren fast 30% aller Staatsanleihen negativ

Der Negativzins sei ein ausserordentliches Instrument, fährt Maechler fort. Die SNB könne das internationale Umfeld aber nicht ändern. Heute rentierten weltweit fast 30% aller Staatsanleihen negativ. Der Anteil der Schweiz an ausstehenden Staatsanleihen mache nur 1% aus. Die Schweiz sei also nicht der Treiber dieser globalen Entwicklung, auch wenn ihr Zinsniveau eines der tiefsten sei.

SNB will mit Negativzins Aufwertungsdruck auf den Franken reduzieren

Die meisten Länder verfolgten mit Negativzinsen das Ziel, die Nachfrage und die Kreditvergabe zu stützen, erklärt Maechler. Das sei Neuland und mit vielen offenen Fragen verbunden. Für die Schweiz gehe es aber um etwas anderes. Sie habe keine Kreditklemme. Sie habe die Negativzinsen eingeführt, um die Zinsdifferenz zum Ausland zu erhalten und so den Aufwertungsdruck auf den Franken zu reduzieren. Für diesen Zweck bleibe der Negativzins ein wichtiges und gutes Instrument.

Ohne Negativzinsen wäre der Franken deutlich stärker

Auf die Frage, wo der Franken ohne Negativzinsen wäre, antwortet Maechler, dass der Franken auf jeden Fall deutlich stärker wäre, mit entsprechenden negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die SNB gibt sich überzeugt, dass im Fall der Schweiz die positiven Effekte des Negativzinses überwiegen.
„Helikoptergeld“ ist in der Schweiz ein “No-Go“.

In Ländern mit schwacher Konjunktur wird diskutiert, ob die Notenbanken die Staaten oder den Konsum direkt finanzieren sollen. Für die SNB ist „Helikoptergeld“ aber ein “No-Go“, betont Maechler. Dass die Zentralbank dem Staat Geld gebe, verstosse in der Schweiz gegen das Gesetz. Dafür gebe es gute Gründe. Auch international setze sich die Einsicht durch, dass die Geldpolitik bereits sehr viel getan habe. Es sei wichtig, dass auch die Fiskal- und die Strukturpolitik ihren Teil leisteten. Die Geldpolitik könne nicht die ganze Last tragen.

Die SNB ist gezwungen, ihr Portfolio zu diversifizieren

Ein weiteres Resultat der Schweizer Geldpolitik ist der Umstand, dass die SNB fast 700 Milliarden Franken, also mehr als das gesamte Bruttoinlandprodukt (BIP), verwaltet. Dabei verwaltet die SNB auch immer mehr Aktien. Dazu äussert Maechler, dass sich die SNB gegen das grösste Risiko, nämlich das Wechselkursrisiko, nicht absichern könne. Um das zu tun, müsste sie Franken kaufen. Das würde den Franken stärken und damit ihre Geldpolitik zuwiderlaufen. Also müsse sie diversifizieren. Die SNB investiere deshalb in viele Anlageklassen, seit mehreren Jahren vermehrt auch in Aktien. Rund 20% ihres Portfolios entfällt heute auf Aktien. Dabei nehme sie die Rolle als bedeutender Investor sehr ernst.

Das Pflichtenheft der Zentralbankleitung hat sich seit der Finanzkrise stark verändert

Maechler sieht es zudem als Aufgabe der SNB an, ihre Politik zu erklären. Dabei habe sich das Pflichtenheft einer Zentralbankleitung seit der Finanzkrise stark verändert. Die Kommunikation sei noch viel wichtiger geworden. Bei einer so grossen Bilanz habe sie eine verstärkte Rechenschaftspflicht. Wenige Zentralbanken seien aber so transparent wie die SNB! Doch es gehe nicht nur um Transparenz gegenüber dem Markt. Am Ende sei wichtig, aus allen Teilen ein ganzes Bild zu vermitteln.

Das ganze Interview ist hier nachzulesen.

 
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