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Die Weltwirtschaft dürfte sich 2017 nur leicht beschleunigen

Dienstag, 18.10.2016

Die Ökonomen der Credit Suisse erwarten im nächsten Jahr ein robustes Weltwirtschaftswachstum, bei leicht steigender Inflation und weiterhin lockerer Geldpolitik. Insbesondere die asiatischen Schwellenländer dürften zulegen.

Die Weltwirtschaft hat sich in den letzten Monaten als ziemlich robust erwiesen. Insbesondere das Brexit-Referendum in Grossbritannien hat in den Konjunkturdaten bisher kaum Spuren hinterlassen – einmal abgesehen von einem kurzlebigen Rückgang gewisser Umfragedaten unmittelbar nach dem Votum. Die jüngsten Einkaufsmanagerindizes (PMIs) für das verarbeitende Gewerbe signalisieren eine leichte Wachstumsbeschleunigung in den Industrieländern und eine fortgesetzte Stabilisierung in den Schwellenmärkten.

Derweil dürfte die Gesamtinflation in den nächsten Monaten in vielen Industrieländern steigen, weil die Basiseffekte der tieferen Energiepreise nachzulassen beginnen. Dies könnte die Geldpolitik in vielen Ländern in Richtung eines etwas weniger akkommodativen Ansatzes verlagern, obwohl dies schwergewichtig von den Trends am Arbeitsmarkt, der Kerninflation sowie den Wechselkursen abhängen wird. Dies schreibt die Credit Suisse in ihrem aktuellen «Global Economic Monitor».

US-Zentralbank könnte die Zinsen das nächste Mal im Dezember erhöhen

Der Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen vom 8. November 2016 wird sich höchst wahrscheinlich substanziell auf die mittelfristigen fiskalischen und geldpolitischen Perspektiven in den USA auswirken. «Sollten die Finanzmärkte beunruhigt auf den Wahlausgang reagieren, könnte die US-Notenbank (Fed) ihre Leitzinserhöhung eventuell nochmals verschieben», wie Björn Eberhardt, Head of Global Macroeconomics Research bei Credit Suisse erklärt.

In ihrem Basisszenario geht die Credit Suisse allerdings davon aus, dass die Fed ihren Leitzins anlässlich der Sitzung des Offenmarktausschusses (FOMC) im Dezember 2016 anheben wird. Sowohl die Wachstums- als auch die Inflationsdaten der jüngsten Zeit rechtfertigten einen solchen Schritt.

Nach einigen Veröffentlichungen schwacher Daten im August haben die soliden Zahlen im September aufkeimende Wachstumssorgen für die USA bereits wieder zerstreut. Die Credit Suisse erwartet, dass die US-Wirtschaft in den nächsten Quartalen weiterhin im Bereich ihres Potenzialwachstums expandieren wird. Hierzu beitragen dürften der Privatkonsum, die Wohnbauinvestitionen, eine anhaltende Stabilisierung im Energiesektor sowie eine nachlassende Bremswirkung seitens einer Lagerbestandskorrektur, die nun schon seit fünf Quartalen andauert. Darüber hinaus scheinen weitere – wenn auch etwas geringere – Beschäftigungszuwächse und ein fortgesetzter, gradueller Anstieg der Nominallöhne wahrscheinlich.

Weitere Leitzinserhöhungen könnten im Juni und Dezember 2017 folgen

Die US-Kerninflation ist seit Anfang 2016 langsam nach oben geklettert, was wahrscheinlich signalisiert, dass sie sich nach mehreren Jahren nun allmählich von ihren Tiefstwerten zu lösen beginnt. Sofern die US-Wirtschaft in den kommenden Quartalen wie von der Credit Suisse erwartet weiter moderat expandiert, sollte auch die Kerninflation kontinuierlich zunehmen, was die beste Ausgangslage für weitere Leitzinserhöhungen durch die Fed wäre.

Da die Fed jedoch den Standpunkt vertritt, dass der Gleichgewichts- oder natürliche Zins auf realer Basis im Bereich von 0% liegen dürfte, und dass der inflationsbereinigte Leitzins unter diesem Niveau verbleiben sollte, bis die Wirtschaft bei voller Kapazitätsauslastung operiert, werden Leitzinserhöhungen voraussichtlich nur sehr graduell erfolgen. Nach einer Leitzinserhöhung im Dezember 2016 erwartet die Credit Suisse für Juni und Dezember 2017 jeweils einen weiteren Zinsschritt nach oben.

Europa verkraftet Brexit-Schock einigermassen gut

Stimmungsumfragen unter Unternehmen und Konsumenten signalisieren, dass die europäischen Volkswirtschaften die anfänglichen Folgen des Brexit-Votums in Grossbritannien ziemlich gut überstanden haben. Dies ist in Grossbritannien selbst am offensichtlichsten, wo gute Datenveröffentlichungen seit dem Referendum die Credit Suisse zu einer leichten Aufwärtsrevision der Wachstumsprognosen für 2016 und 2017 bewogen haben, nachdem sie diese anfänglich nach unten korrigiert hatte.

Auch in den übrigen grossen Volkswirtschaften der Eurozone ist das Wachstum im Durchschnitt ziemlich konstant geblieben. Allerdings haben die Ankündigungen der britischen Regierung die langfristige Unsicherheit erhöht. Die britische Premierministerin Theresa May beabsichtigt nach eigenen Angaben, Artikel 50 möglicherweise bereits im 1. Quartal 2017 auszulösen, sodass die schwierigen Austrittsverhandlungen aus der EU früher als erwartet beginnen werden. Sie hat zudem – wichtiger noch – durchblicken lassen, dass Grossbritannien bereit sei, einen «harten» Brexit zu riskieren, d.h. den EU-Binnenmarkt zu verlassen, um die Kontrolle über die Zuwanderung zurückzugewinnen.

Ein Verlust des freien Zugangs zum EU-Markt könnte die längerfristigen Perspektiven Grossbritanniens substanziell verschlechtern. Um die Wirtschaft zu schützen, könnte die Bank of England ihren Leitzins durchaus ein weiteres Mal senken, während sie ihre quantitative Lockerung fortsetzt. Angesichts der in jüngster Zeit wieder etwas besseren gesamtwirtschaftlichen Daten und der markanten Abwertung des Britischen Pfundes dürfte ein solcher Schritt nach Ansicht der Credit Suisse allerdings bis 2017 hinausgezögert werden.

Für eine Reduktion der Anleihenkäufe durch die EZB ist es noch zu früh

Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht sich einem Umfeld mit relativ konstantem Wachstum gegenüber, in welchem die Inflation jedoch unter dem Zielwert verharrt. Die Kerninflation ist weit von einer überzeugenden Kehrtwende nach oben entfernt. In Frankreich und Italien scheint sie sogar weiterhin nachzugeben. Eine Fortsetzung der akkommodativen Geldpolitik ist daher durchaus gerechtfertigt.

Allerdings ist das aktuelle Tempo der Anleihenkäufe durch die EZB (EUR 80 Mrd. monatlich) angesichts der zurzeit geltenden Parameter des quantitativen Lockerungsprogramms nicht nachhaltig, mahnt die Credit Suisse. Die Parameter schreiben eine Mindestrendite für die Anleihen fest, welche die EZB kaufen kann. Sie beschränken zudem die prozentualen Anteile in Bezug auf die einzelnen Emittenten und Länder, die erworben werden dürfen. Die Credit Suisse glaubt daher, dass diese Parameter schon bald – voraussichtlich anlässlich der Dezembersitzung der EZB – angepasst werden. Dass bereits ein Tapering (Reduktion der Anleihenkäufe) angekündigt wird, erachtet sie demgegenüber als unwahrscheinlich.

EZB könnte das Tempo ihrer Anleihenkäufe im 2. Halbjahr 2017 reduzieren

Die Credit Suisse rechnet stattdessen damit, dass die EZB ihr laufendes Wertschriftenkaufprogramm um rund sechs Monate – über den März 2017 hinaus – verlängern und den Umfang ihrer Anleihenkäufe noch während einiger Monate mehr so belassen wird. Wenn das Wachstum in der Eurozone robust bleibt und die Kerninflation glaubhaftere Signale einer Bodenbildung zeigt, was bis im Sommer 2017 durchaus der Fall sein könnte, wäre die EZB in der Lage, das Tempo ihrer Anleihenkäufe im 2. Halbjahr 2017 zu reduzieren.

Ein Übergang zu einem spezifischen Renditeziel, wie es die Bank of Japan (BoJ) seit Kurzem anvisiert, ist in der Eurozone laut Credit Suisse viel schwieriger. Dem ist vor allem so, weil die Anpeilung einer einheitlichen Rendite für Staatsanleihen zu einer Kompression der unterschiedlichen Kreditrisikoaufschläge über die Anleihenmärkte der Eurozone hinweg führen würde, wie die Credit Suisse erklärt. Dies würde wiederum höchst wahrscheinlich als Verletzung des Artikels 123 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) angesehen, der eine direkte Finanzierung von Staatsschulden über die Geldpolitik verbietet.

Bank of Japan geht zu flexiblerem Ansatz über

Im Gegensatz zur EZB hat sich die BoJ nach Ansicht der Credit Suisse bereits einen Schritt von einem mechanischen Quantitätsziel für ihr Wertschriftenkaufprogramm entfernt. Viele wichtige Fragen bleiben zwar noch unbeantwortet, aber der Übergang zu einer «Steuerung der Renditekurve», d.h. konkret zur Festlegung eines Zielwerts für die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen, könnte der BoJ die Fortführung einer sehr lockeren Geldpolitik erlauben und gleichzeitig ihr Wertschriftenkaufprogramm auf eine nachhaltigere Basis stellen, solange der Umfang der Anleihenkäufe auch tatsächlich zurückgeht. Allerdings wird die BoJ ihren Leitzins nach Ansicht der Credit Suisse dennoch weiter in den negativen Bereich senken müssen, zumal sie auch darauf abzielt, eine leicht ansteigende Renditekurve zu wahren.

Kurzfristige Stabilisierung in China erhöht längerfristige Risiken

Die Wirtschaft Chinas hat sich in den letzten Monaten stabilisiert, was die Credit Suisse dazu bewogen hat, ihre Wachstumsprognosen für 2016 und 2017 geringfügig auf 6.6% YoY und 6.3% YoY nach oben anzupassen. Allerdings war der Grossteil dieser Stabilisierung einer deutlichen Erhöhung der Stimuli durch die öffentliche Hand zu verdanken, die ihren Ausdruck in einem robusten Wachstum der staatlichen Anlageinvestitionen fand, räumt die Credit Suisse ein.

Derweil gab das Wachstum der privaten Anlageinvestitionen in den Bereich von null nach. Zudem hat sich das Preiswachstum im Immobiliensektor abermals auf nicht mehr nachhaltige Niveaus beschleunigt. Lokale Behörden haben bereits mit Gegenmassnahmen reagiert, die das Wachstum in den kommenden Monaten belasten könnten. Die Credit Suisse rechnet für die nächsten Quartale unverändert mit einer graduellen, mehr oder weniger geordneten Verlangsamung des chinesischen Wachstums, obschon erneute Phasen mit etwas deutlicheren Bremsspuren keineswegs auszuschliessen sind.

Wachstum in Asien dürfte robust bleiben

Allgemein geht die Credit Suisse davon aus, dass das Wachstum in Asien im Jahr 2017 robust bleiben wird. Stärker industrialisierte Volkswirtschaften wie Südkorea sollten weiterhin verhalten, wenn auch etwas schneller expandieren, während Indien und andere südostasiatische Volkswirtschaften mit hohen Wachstumsraten aufwarten dürften.

Abschwung in Brasilien und Russland sollte Boden finden

Die wirtschaftlichen Bedingungen in Russland sind nach wie vor schwierig, obwohl das Land die konjunkturelle Talsohle durchschritten zu haben scheint. Die Credit Suisse hat indessen schon früher den Standpunkt vertreten, dass kaum etwas auf eine starke Erholung von der Rezession hindeutet, solange die Rohstoffpreise nicht entschiedener nach oben drehen. Wie von der russischen Zentralbank nach ihrer letzten Zinssenkung im September signalisiert, rechnet die Credit Suisse mit einem bis im 1. Halbjahr 2017 unveränderten Leitzins, der zu einem weiteren Rückgang der Inflation beitragen soll.

Derweil präsentiert sich das konjunkturelle Umfeld auch in Brasilien weiterhin schwach. Immerhin lassen die Stimmungsindikatoren gegen Ende 2016 eine leichte Verbesserung erwarten. Die Aufwertung des brasilianischen Real (BRL) und die rückläufigen Inflationsraten eröffnen der brasilianischen Zentralbank zudem Spielraum, um im 4. Quartal 2016 einen neuen Lockerungszyklus einzuläuten – und zwar insbesondere dann, wenn die fiskalischen Reformen Fortschritte machen.

Die Weltwirtschaft findet nur zögerlich ihr Gleichgewicht

Insgesamt steht die Credit Suisse unter dem Eindruck, dass die Weltwirtschaft 2017 ein weiteres Jahr mit relativ unspektakulärem Wachstum zeigen wird, während die Inflation allgemein eher tief bleibt. Dies legt den Schluss nahe, dass die weiterhin bestehenden grösseren Ungleichgewichte – insbesondere hohe staatliche Verschuldungsniveaus in vielen Industrieländern sowie hohe und teilweise weiter wachsende Schulden im Privatsektor vieler Schwellenländer – wahrscheinlich kaum grössere Verbesserungen verzeichnen werden. Zudem könnten die demografischen Trends die längerfristigen Perspektiven vieler Länder eintrüben, sodass die Gleichgewichtsfindung der Weltwirtschaft wohl noch einige Jahre mehr erfordern wird.

 
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