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«Die aktiv Versicherten müssen künftig mehr Geld auf die Seite legen»

Montag, 25.07.2016

Der Franken ist stark und die Zinsen sind tief. Für die Wirtschaft ist das sehr schwierig. Es schlägt aber auch voll auf die Vorsorgewerke durch. Die Jungen können die Last der Rentner bald nicht mehr schultern, sagt ZKB-Chef Martin Scholl.

Mit der Rentenreform wird auch ein höheres offizielles Rentenalter gefordert. Die Menschen sollen also länge arbeiten. Die Arbeitgeber benötigen künftig aber eher weniger Leute, was etwa der Digitalisierung, aber auch anderen Entwicklungen geschuldet ist. Wenn ältere Mitarbeitende aber länger im Arbeitsprozess eingebunden bleiben sollen, heisst das dass weniger Junge angestellt werden können. «Der Generationenvertrag muss jetzt auf den Tisch», fordert deshalb Martin Scholl, Konzernchef der Zürcher Kantonalbank (ZKB) in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger».

Es können nicht mehr alle Leistungen finanziert werden

Um das Problem zu lösen, schlägt Scholl vor, dass nicht mehr alle Leistungen für die Rentner finanziert werden. «Das bedeutet, die aktiv Versicherten müssen künftig mehr Geld auf die Seite legen. Dafür braucht es vom Staat neue Anreize, etwa bei der 3. Säule», wie er erklärt.

Dies sei ein lukratives Geschäft für die Banken, wie ihm entgegnet wird. Für Scholl ist es jedoch nebensächlich, wo das Geld angelegt wird, wie er sagt. Wichtig sei, dass das Thema endlich auf den Tisch komme. «Nur ist es politisch heikel und für die Arbeitnehmer schmerzhaft. Daher wird es hinausgezögert», so Scholl.

Kleinsparer werden mit einem Null-Prozent-Zins subventioniert

Ein Ende der Tiefzinsphase und der Negativzinsen ist vorerst nicht in Sicht. So sieht sich auch die ZKB gezwungen, die Negativzinsen «differenziert» zuerst im Interbankenmarkt und auf Guthaben bestimmter Grosskunden weiterzugeben, wie Scholl erläutert. «Für Kleinsparer und Kleinunternehmen sind keine Negativzinsen vorgesehen, solange die Schweizerische Nationalbank ihre Politik nicht verschärft», wie Scholl bekräftigt. Kleinsparer würden mit einem Null-Prozent-Zins «subventioniert». «Das hört sich eigenartig an, doch es ist so. Der Marktzins liegt bei -0.75%».

Vor dem Szenario einer weiteren Leitzinssenkung hat Scholl «grossen Respekt». Bereits bei der Einführung der Negativzinsen habe man gemerkt, dass selbst Anlageprofis völlig irrationale Anlageentscheide träfen. Würden nun alle plötzlich ihr Geld von der Bank abziehen, berge das Risiken für das Bankensystem. Dabei koste auch Bargeld, wenn es zuhause unter der Matratze liege.

Die Bankenbranche ist labil

Die Finanzmärkte sind nervös, die Unsicherheit ist gross. Denn laut Scholl hat die Finanzbranche in Europa seit der Finanzkrise kaum Fortschritte gemacht. «Die italienischen Banken stehen exemplarisch dafür. Das ganze Gebilde ist labil. Es kann zu einer Ansteckung der gesamten Branche kommen», wie Scholl glaubt. Um das zu verhindern, müssten die italienischen Banken möglichst rasch saniert werden. 

Es braucht starke Banken, dass die Wirtschaft wächst

Auch wenn viele Finanzhäuser kein direktes Italien-Risiko in den Büchern hätten, so könnten aufgrund der engen Verzahnung in der Finanzindustrie vermeintlich sichere Banken von der Krise angesteckt werden. Zudem drossle die Unsicherheit im Markt die Investitionslaune. Businesspläne würden vermehrt sistiert. Das alles schlage auf das Wirtschaftswachstum durch. Um zu wachsen, brauche es starke Banken. Leider sei man in Europa in den letzten acht Jahren kaum vom Fleck gekommen. Ausser in der Schweiz. Das sehe man an dem starken Schweizer Franken und den tiefen Zinsen.

Der Immobilienmarkt ist für das Finanzsystem eine Gefahr

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) warnt seit längerem vor Gefahren durch den wachsenden Immobilienmarkt für das Finanzsystem. Dabei entwickeln sich die einzelnen Immobilienmarktsegmente unterschiedlich, wie Scholl erläutert. Die Wohnungen und Einfamilienhäuser im mittleren Preissegment seien nach wie vor gefragt. Schlecht würden sich derzeit sehr teure Objekte verkaufen. Sehr schwierig sei auch der Büromarkt. «Es stehen rund 1 Million Quadratmeter Büromarktfläche im Kanton Zürich leer. Auch die Aussichten bei Detailhandelsflächen sind düster», so Scholl. 

Die Immobilienpreise steigen weiter

Dennoch – ein plötzlicher Zinsanstieg, wodurch Hypothekarschuldner an ihre Belastungsgrenze gelangen könnten, macht Scholl keine Sorgen. «Aktuell gibt es auch keine Anzeichen dafür.» Sollte er doch kommen, sei die ZKB vorbereitet. Sie sei schon früh auf die Bremse getreten und bei den Hypotheken drei, vier Jahre lang schwächer gewachsen als der Markt. Doch der Cocktail aus Anlagenotstand, tiefen Leitzinsen und einem wachsenden Bedürfnis nach Wohnraum sei gefährlich. Die Immobilienpreise stiegen dadurch weiter.

Die Nachfrage nach Immobilien geht zurück

2008 habe ein durchschnittliches Eigenheim im Kanton Zürich 980‘000 Franken gekostet, wie Scholl anführt. Rund 17% der Mieter hätten sich das leisten können. Heute koste es 1,3 Millionen Franken. Nur noch 10% der Mieter hätten das Geld dafür. Die Nachfrage gehe zurück, so Scholls Fazit.

 
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