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Die absolute Zahl armer Rentner wird in Zukunft steigen

Samstag, 11.02.2017

Die Zahl armer Rentner nimmt zu. Ein Grund ist, dass mit wachsender Bevölkerung und Pensionierung geburtenstarker Jahrgänge die Zahl von Neurentnern steigt. Dennoch: Die Gesellschaft muss dafür Ressourcen schaffen, sagt Avenir Suisse.

Die Zahl der Ergänzungsleistungsbezüger steigt stetig. Sie sagt jedoch wenig über die Entwicklung der Armut im Alter aus, wie Jérôme Cosandey, Senior Fellow und Forschungsleiter Sozialpolitik von Avenir Suisse, in einem Beitrag der «Schweizer Versicherung» schreibt. Mit einer wachsenden Bevölkerung und der Pensionierung geburtenstarker Babyboomer-Jahrgänge nehme auch die absolute Zahl von Neurentnern zu, und damit – bei gleichbleibender Armutsquote – die Zahl von armen Rentnern.

Quote der auf EL angewiesenen AHV-Bezüger war im letzten Jahrzehnt stabil

Pro Senectute habe 2014 vorgerechnet, dass in der Schweiz jährlich rund 5‘000 neue Arme im AHV-Alter hinzukämen. Die Stiftung habe sich dabei auf Bezüger von Ergänzungsleistungen (EL) im Pensionsalter bezogen. Durch die alleinige Betrachtung der Anzahl armer Neurentner könne aber nicht bestimmt werden, ob die Schweiz tatsächlich vermehrt mit Armutsproblemen konfrontiert sei, so Cosandey. Niemand würde behaupten, den Senioren gehe es immer besser, weil es jedes Jahr Tausende zusätzliche reiche Rentner gebe. Dafür müsse man die Entwicklung relativer Grössen betrachten, wie er erklärt.

Der gewählte Armutsindikator spiele dabei eine erhebliche Rolle. Berücksichtige man die Quote der AHV-Bezüger, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen seien, so sei diese im letzten Jahrzehnt stabil geblieben. Sie habe im Jahr 2006 12.1% betragen, sei 2008 auf 11.6% gesunken, und habe seitdem auf 12.5% wieder zugenommen.

EL-Bedarf hängt stark mit dem Eintritt ins Pflegeheim zusammen

Die EL-Quote sei allerdings ein schlechter Indikator für Armut im hohen Alter, weil der EL-Bedarf stark mit dem Eintritt ins Pflegeheim zusammenhänge, sagt Cosandey. «Reiche» und «Arme» wohnten zwar dann in einem identischen Pflegeheimzimmer, nur zahlten es die einen selber, während die anderen dies mit Ergänzungsleistungen täten. Ihre Lebenssituation sei jedoch vergleichbar.

Armutsgefährdungsquote von Rentnern liegt über dem Wert der Gesamtbevölkerung

Cosandey führt einen weiteren Indikator an: die Armutsgefährdungsquote. Diese beziehe sich auf jenen Anteil der Bevölkerung, der über ein Einkommen unterhalb 60% des medianen Einkommens verfüge. Diese Quote sei für Personen ab 65 Jahren von 23% im Jahr 2007 auf 20% im Jahr 2014 gesunken. Die Situation der Rentner unter sich habe sich also verbessert. Ihre Quote habe 2014 allerdings deutlich über dem Wert jener der Gesamtbevölkerung (13.5%) gelegen.

Jeder zweite Pensionierte lässt sich das ganze oder Teile des BVG-Vermögens als Kapitalleistung auszahlen

Die Armutsgefährdungsquote berücksichtige allerdings nur die Einkommens- und nicht die Vermögensituation. Gerade bei Senioren sei dies problematisch, weil sich etwa jeder zweite Pensionierte das ganze BVG-Vermögen oder Teile davon als Kapitalleistung auszahlen lasse. Diese Verzerrung könne mit dem Konzept der «materiellen Entbehrung» umgangen werden: Dabei werde der Nichtbesitz von Gebrauchsgütern (z.B. Auto, Fernseher), bzw. das Fehlen elementarer Lebensgrundlagen (z.B. ausreichende Heizung der Wohnung, eine fleischhaltige Mahlzeit jeden zweiten Tag) aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen bestimmt.

Quote der materiellen Entbehrung für Rentner ist zurückgegangen

Die Quote der materiellen Entbehrung für Personen ab 65 Jahren sei seit 2007 signifikant zurückgegangen und habe sich seitdem mehr als halbiert. Anders als bei der Armutsgefährdungsquote sei die Quote der materiellen Entbehrungen für Senioren 2014 auch deutlich tiefer gewesen als für die Gesamtbevölkerung (1.6% vs. 4.6%).

Jeder arme Rentner ist ein Armer zu viel

Armut habe viele Facetten, die finanzielle Situation sei nur eine davon, so das Fazit von Cosandey. Die absolute Zahl armer Rentner werde in Zukunft steigen, und die Gesellschaft müsse dafür Ressourcen zur Verfügung stellen. Jeder arme Rentner sei ein Armer zu viel. Trotzdem dürfe die Schweiz auf die Armutssituation im Alter stolz sein. Letztere habe sich je nach Indikator stabil, ja sogar zum Guten entwickelt, was für die Organisation des Arbeitsmarktes und der Altersvorsorge spreche.

Dieser Text ist in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift «Schweizer Versicherung» erschienen.

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