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Das SECO sieht die Schweizer Wirtschaft trotz Risiken auf Erfolgskurs

Dienstag, 20.09.2016

Die Expertengruppe des Bundes gibt sich äusserst optimistisch. Sie rechnet mit einer Festigung der konjunkturellen Erholung und prognostiziert für 2016 ein Wirtschaftswachstum von 1.5% sowie eine Beschleunigung auf 1.8% für 2017.

Die holprige Erholung der Weltkonjunktur hat gemäss der Expertengruppe auch im ersten Halbjahr 2016 angehalten. Mit dem Brexit-Entscheid sei nun ein zusätzlicher grosser Unsicherheitsfaktor hinzugekommen. Allerdings hätten sich die Finanzmärkte, nach einer kurzen Phase erhöhter Verunsicherung und Volatilität, über den Sommer hinweg weitgehend beruhigt. So seien die teilweise befürchteten Verwerfungen an den Aktien- und Devisenmärkten ausgeblieben. Sofern dies anhalte, bestünden gute Chancen, dass sich negative konjunkturelle Auswirkungen eines Brexit grösstenteils auf Grossbritannien beschränkten und nur in bescheidenem Ausmass auf Kontinentaleuropa und andere Weltregionen ausstrahlen würden. Die Expertengruppe geht daher von einer Fortsetzung und allmählichen Festigung der weltwirtschaftlichen Expansion im kommenden Jahr aus, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) mitteilt.

Experten rechnen mit solidem Wirtschaftswachstum im Euroraum

Das Wirtschaftswachstum im Euroraum sei nach einem starken 1. Quartal 2016 (+0.5%) im 2. Quartal mit 0.3% etwas bescheidener ausgefallen. Für eine Fortsetzung der Konjunkturerholung sprechen laut Experten insbesondere die expansiven Impulse der Geldpolitik, die kaum mehr restriktiv ausgerichtete Fiskalpolitik sowie die noch immer relativ niedrigen Energiepreise.

Der Brexit-Entscheid dürfte das Wirtschaftswachstum des Euroraums in den kommenden Quartalen über den Aussenhandelskanal (schwächere Exportnachfrage aus Grossbritannien) zwar leicht dämpfen, jedoch keineswegs abwürgen. Insgesamt erwartet die Expertengruppe für den Euroraum zwar keine weitere Beschleunigung, aber ein solides Wirtschaftswachstum von jeweils 1.6% für 2016 und für 2017.

Für Grossbritannien scheint ihnen eine Konjunkturabkühlung hingegen wahrscheinlich, weil sich die erhöhte Unsicherheit über die künftigen vertraglichen Beziehungen mit der EU negativ auf Investitions- und Standortentscheide auswirken dürfte. Aktuelle Indikatoren zeigten allerdings noch kein klares Bild und deuteten mehrheitlich nicht auf einen kurzfristigen Einbruch hin.

US-Wirtschaftswachstum dürfte sich 2017 verstärken

In den USA blieb das Wirtschaftswachstum in den ersten beiden Quartalen laut Experten unter den Erwartungen. Aufgrund dessen seien die Wachstumsprognosen für die USA vielfach nach unten revidiert worden. Grundsätzlich scheine die Fortsetzung des Aufschwungs derzeit aber nicht ernsthaft in Frage gestellt. Zum einen dürften gewisse temporäre Faktoren, die in den letzten Quartalen das Wachstum gebremst hätten (z.B. negative Lagereffekte, schwächere Investitionen im Energiesektor) wieder wegfallen. Zum andern zeige sich der US-Arbeitsmarkt weiterhin robust, was den privaten Konsum unterstütze. Das Wirtschaftswachstum der USA dürfte sich daher von mässigen 1.5% im Jahr 2016 auf 2.2% im Jahr 2017 verstärken.

Schwellenländer profitieren von Stabilisierung der Rohstoffpreise

In den Schwellenländern verlaufe die Konjunktur weiterhin verhalten, doch scheine die Talsohle allmählich erreicht, so die Experten. In China werde das Wachstum durch expansive Impulse von der Geld- und der Fiskalpolitik gestützt, die einer zu schnellen Verlangsamung entgegenwirken sollten. Demgegenüber stecke Brasilien weiter in der Rezession. In Russland scheine die wirtschaftliche Talfahrt allmählich zu Ende zu gehen, eine deutliche Erholung sei aber nicht in Sicht. Immerhin helle die jüngste Stabilisierung der Rohstoffpreise die Aussichten für diese Länder etwas auf.

Abstützung des Wirtschaftswachstums in der Schweiz wird breiter

Nach der wechselkursbedingten Konjunkturabkühlung im vergangenen Jahr habe sich die Schweizer Wirtschaft gegen Ende 2015 und im ersten Halbjahr 2016 wieder erholt, wie die Experten meinen. Das BIP-Wachstum habe sich nach 0.3% im 1. Quartal auf 0.6% im 2. Quartal beschleunigt. Neben der Verstärkung zeige sich dabei auch eine breitere Abstützung des Wachstums auf die Wirtschaftssektoren.

Die inlandorientierten staatsnahen und privaten Dienstleistungen (u.a. Gesundheitswesen, sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen) expandierten im 2. Quartal deutlich. Aber auch bei unter der Frankenstärke leidenden Bereichen wie der Industrie und dem Tourismus zeichne sich eine Entspannung ab.

Stimmungsindikatoren zeichnen für einzelne Sektoren heterogenes Bild

Die Lage in einzelnen Sektoren (z.B. innerhalb der Industrie) sei aber immer noch sehr heterogen, räumen die Experten ein. Zudem seien die jüngsten Konjunkturindikatoren etwas verhaltener ausgefallen. Zwar habe sich der Aussenhandel weiterhin solide entwickelt und bei den Detailhandelsumsätzen sowie den Logiernächten zeichne sich immerhin eine Bodenbildung ab. Die Stimmungsindikatoren (Einkaufsmanagerindex, KOF-Barometer, Konsumentenstimmung) hätten sich in den Sommermonaten aber eher etwas eingetrübt, was auf die gestiegene Unsicherheit infolge des Brexit-Entscheids zurückzuführen sei. Auch die Stimmungsindikatoren lägen weiterhin in einem Bereich, der auf eine moderat wachsende Wirtschaft hindeute.

Gutes erstes Halbjahr stützt Wirtschaftsprognose für 2016

Die aktuelle Entwicklung der Indikatoren lässt laut Experten für das zweite Halbjahr 2016 eine eher gemächliche wirtschaftliche Expansion erwarten. Das Wachstum dürfte also weniger schwungvoll als noch im 2. Quartal ausfallen. Dank der guten ersten Jahreshälfte erwarten sie für das Gesamtjahr 2016 aber ein Wirtschaftswachstum von 1.5% (bisherige Prognose 1.4%).

Für 2017 geht die Expertengruppe weiterhin von einer Festigung der Auftriebskräfte aus, was sich in einer Wachstumsbeschleunigung auf 1.8% ausdrückt. Nach dem gedämpften Wirtschaftswachstum von 2015 (0.8%) dürfte die Schweiz demnach wieder auf einen robusten Wachstumspfad einschwenken und sich 2016 sowie 2017 weitgehend im Gleichschritt mit Deutschland bzw. dem Euroraum entwickeln.

Exportaussichten stellen sich relativ freundlich dar

Dabei dürfte insbesondere der Aussenhandel wieder vermehrt zum Wachstum beitragen, so die Experten weiter. Dies setze allerdings voraus, dass die internationale Konjunktur durch einen Brexit nur wenig gebremst werde und eine neuerliche starke Frankenaufwertung weiterhin vermieden werden könne.

Privatkonsum bleibt hinter den Erwartungen zurück

Die Exporterholung sei bislang stark durch Pharmazieprodukte getrieben worden. Zunehmend dürften aber auch andere Exportbereiche wie Maschinen, Elektro, Metalle (MEM), aber auch der Tourismus, wieder partizipieren, ist die Expertengruppe überzeugt. Die Inlandnachfrage dürfte weiterhin solide Impulse, aber keine deutliche Beschleunigung liefern. Der private Konsum sei im bisherigen Jahresverlauf vor dem Hintergrund schwächerer Reallohnzuwächse sowie einer leicht verschlechterten Arbeitsmarktlage etwas hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Die Bauinvestitionen befänden sich nach mehreren Jahren starken Wachstums seit 2015 in einer Abkühlung, die nicht unerwartet komme. Angesichts des anhaltenden Tiefzinsumfelds und der nach wie vor wachsenden Bevölkerung blieben die Aussichten für 2017 aber sowohl bei den Bauinvestitionen als auch beim privaten Konsum grundsätzlich positiv. Bei den Ausrüstungsinvestitionen sei trotz vieler Unsicherheitsfaktoren in den letzten Quartalen eine Belebung in Gang gekommen, die sich fortsetzen dürfte.

Talsohle auf dem Arbeitsmarkt dürfte durchschritten sein

Der Arbeitsmarkt war bislang noch durch die Nachwirkungen der letztjährigen Konjunkturabschwächung geprägt. Das über mehrere Jahre kräftige Beschäftigungswachstum habe sich im Verlauf von 2015 und auch noch Anfang 2016 deutlich abgeschwächt. Während in vielen Dienstleistungsbranchen die Beschäftigung etwas langsamer zugenommen habe, seien insbesondere in der Industrie Stellen abgebaut worden. Die Talsohle scheine jedoch durchschritten, sagen die Experten.

Mit fortschreitender Konjunkturerholung rechnet die Expertengruppe mit einem allmählich wieder anziehenden Beschäftigungswachstum im kommenden Jahr. Der seit 2015 andauernde leichte Anstieg der Arbeitslosigkeit dürfte ebenfalls allmählich ausklingen und die Arbeitslosenquote sowohl 2016 als auch 2017 im Jahresdurchschnitt auf 3.3% zu liegen kommen. Bei der negativen Teuerung habe in den letzten Monaten eine langsame Normalisierung eingesetzt, die sich fortsetzen dürfte (Teuerungsprognose 2016 -0.4%, 2017 +0.3%).

Es drohen verschiedene Konjunkturrisiken

Als grösstes Konjunkturrisiko sieht die Expertengruppe die nach wie vor wenig robuste weltwirtschaftliche Erholung, die verwundbar gegenüber Störfaktoren bleibe. So sei nicht auszuschliessen, dass der Brexit-Entscheid negativer als in der Prognose unterstellt auf die europäische Konjunktur durchschlagen könnte.

Ein weiteres Risiko sehen die Experten in der noch nicht gesicherten Finanzstabilität im Euroraum, wie jüngst die prekäre Lage bei einigen italienischen Banken wieder verdeutlicht habe. Falls die Konjunkturerholung im Euroraum ernsthaft ins Stocken geriete, würde dies die schweizerischen Exporte spürbar belasten. Dies umso mehr, wenn es – im Zuge steigender Verunsicherung an den Finanzmärkten – zu einer neuerlichen Flucht in den Franken käme.

Ausserdem zu erwähnen seien die schwache Verfassung wichtiger Schwellenländer (z.B. politische Unruhen in Brasilien) sowie geopolitische Risiken (Eskalation der Gewalt im Nahen Osten, Ukraine-Konflikt, Terroranschläge).

In der Schweiz bleibt zudem das Risiko für Übertreibungen an den Immobilienmärkten angesichts des voraussichtlich noch länger anhaltenden Tiefzinsumfelds zumindest latent bestehen.

 
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