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«Bevor wir auch nur daran denken, Negativzinsen für Privatkunden einzuführen, werden wir nach Kompensationsmöglichkeiten suchen»

Montag, 12.12.2016

Raiffeisen ist die grösste reine Retail-Bankengruppe der Schweiz. Sie leidet wie viele unter dem Margendruck. Kann sie das Kreditvolumen nicht ausweiten, sinkt der Zinserfolg. So sucht sie nach neuen Kreditmodellen – und will 170 Geschäftsstellen abbauen.

Die Raiffeisen-Gruppe ist mit 3,7 Millionen Kunden die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz. Raiffeisen wächst im Hypothekarbereich um rund 4.5% pro Jahr. Das entspricht einer Kreditsumme von rund 7 Milliarden Franken. Patrik Gisel, Geschäftsleitungsvorsitzender von Raiffeisen, ist deshalb der Meinung, dass sich Raiffeisen auch mit Themen befassen dürfe, die einen grossen Teil der Bevölkerung beträfen und von denen die Bankengruppe etwas verstehe, wie er im Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) äussert.

Raiffeisen argumentiert mit der Wohneigentumsförderung in der Verfassung

Konkret geht es um die Art und Weise, wie Banken die Tragbarkeit einer Hypothek berechnen. Grundsätzlich sollten die Finanzierungskosten eines Kredits nicht höher sein als ein Drittel des Einkommens eines Schuldners. Die Banken rechnen dazu mit einem kalkulatorischen Zinssatz von 4.5% bis 5.0%. Das aktuelle Zinsniveau ist aber viel tiefer. Würde der höhere Zinssatz erst angewendet, wenn tatsächlich ein Zinsänderungsrisiko besteht, etwa nach Ablauf einer langen Festhypothek, wäre Wohneigentum gerade auch für junge Familien eher erschwinglich, so das Argument von Raiffeisen. Sie verweist dabei auf die Bundesverfassung, wo die Wohneigentumsförderung festgehalten sei. Sie funktioniere aber nicht mehr.

Raiffeisen will Geschäft innerhalb geltender Rahmenbedingungen optimieren

Diese Haltung von Raiffeisen hat im Markt allerdings Widerspruch hervorgerufen – von der Bankenaufsicht FINMA, über die Nationalbank, die wiederholt auf die teilweise schon bestehenden Überhitzungstendenzen im Markt hingewiesen hat, bis hin zu Konkurrenten von Raiffeisen, die vor dem steigenden Kreditvolumen im Verhältnis zum Bruttoninlandprodukt warnen. Patrik Gisel lässt dies jedoch nicht gelten; als Unternehmen seien sie verpflichtet, ihre Geschäfte innerhalb der geltenden Rahmenbedingungen zu optimieren. Sie seien dabei immer davon ausgegangen, dass es im Immobilienmarkt ein sogenanntes Soft-Landing geben werde, und dieses Szenario scheine einzutreten. Es habe also Platz für neue Kreditmodelle. Sollte ein neues Angebot zu einem starken Preisanstieg bei den Hypotheken führen, wie das gewisse Kreise befürchteten, könnten sie rasch darauf reagieren. Sollte sie tatsächlich ein neues Kreditangebot lancieren, werde es Restriktionen enthalten. Es werde sich an einen klar definierten Kreis von Kunden richten. Raiffeisen geht zudem davon aus, dass sie nicht die einzige Bank ist, die neue Angebote prüft.

Einführung von Negativzinsen für Privatkunden ist nicht geplant

Patrik Gisel wiederholt, dass es seine Aufgabe sei, Geschäftsmöglichkeiten für die Gruppe zu identifizieren. Auf die Frage, ob dies eben auch geschehe, weil der Margendruck so hoch sei, sagt Gisel, dass dies aus Bankensicht vor allem für die Verzinsung der Spargelder gelte. Laut NZZ kompensieren die Banken das auf der Aktivseite, indem sie das Hypothekargeschäft ausweiten. Eines ist für Patrik Gisel jedenfalls sicher: Bevor sie auch nur daran dächten, Negativzinsen für Privatkunden einzuführen, würden wie nach Kompensationsmöglichkeiten suchen. Denn die Kunden von Raiffeisen würden Negativzinsen nicht verstehen.

Raiffeisen will Zahl der Geschäftsstellen um knapp einen Fünftel reduzieren

Die Raiffeisen-Gruppe werde in fünf Jahren nicht von Grund auf anders aussehen, wie Patrik Gisel versichert. Sie werde in ihrem Kerngeschäft weiterhin stark sein, allerdings mit weniger Geschäftsstellen als heute. Raiffeisen will die Zahl von rund 970 Bankstellen in den nächsten 5 bis 10 Jahren allerdings auf ungefähr 800 reduzieren.

Die Transaktionen sollen fast vollständig elektronisch abgewickelt werden. In den Raiffeisenbanken sollen sich die Mitarbeitenden in erster Linie der Beratung widmen, was auch heisse, dass die Bargeldversorgung vielerorts nur noch über den Bancomat stattfinden werde. Der Digitalisierungsgrad werde zunehmen – und mit der Privatbank Notenstein La Roche werde Raiffeisen ausserdem im Besitz einer starken Vermögensverwaltungsbank sein.

 
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